Erinnerungen

Mit viel Herzschmerz schwelgt ein „Auswanderer“  in Erinnerungen an GE-Ückendorf. Diese Erinnerungen die über 50 Jahre zurück liegen, hat er in einem Aufsatz  festgehalten. Dieser Aufsatz soll auf  „die gute alte Zeit“  zurück blicken. Möglicher Weise erkennt sich so mancher in diesen Texten selbst wieder. 

Ei am Stuhl   1954- 1962

„Vier Pfosten inne Erde, Dach drauf, Ofen rein, brennt schon, fertich!“: Das war eine der vielen skurrilen Lebensregeln meines Großvaters Moritz, und genau danach hatte er für sich und für meine Eltern auf seinem „Land“ - wie er es und sich dazu stolz als „Farmer“ zu bezeichnen pflegte - an der Schalker Caubstraße zwei Behelfsheime errichtet: Hier fehlte es an jeglichem Komfort, unser Leben war allereinfachst, dafür aber gab es für mich als Kind große Freiheiten, Freunde wie den Hofhund Rolf, die Hühner meiner Großmutter, Opas Pferde, Wiesen und Felder - und eine Familie, die mich liebevoll verwöhnte.

 

Am 27. April 1954 wurde ich eingeschult, und so machte ich mich regelmäßig von hier aus auf den langen Schulweg Richtung Overbergschule, zunächst an der nahen Seltersbude, dann am Schalker Glückauf-Stadion und schließlich am Schalker Markt vorbei zur König-Wilhelm-Straße.

 

Diese Schule hat keinen großen Eindruck auf mich Erstklässler gemacht und deshalb kein Bild in meinem Gedächtnis hinterlassen, vielleicht, weil mir vieles recht leicht fiel, so wie das Schreiben und das Lesen. Als kleiner Knirps hatte ich meinem Vater wissbegierig über die Schulter geschaut, wie er meinem Großvater mühsam beizubringen versuchte, wenigstens seinen Namen hin krakeln zu können. Ich wollte mit- und nachtun, las bald meinem Opa aus der Zeitung vor und schrieb mit großer Begeisterung so manches Blatt randvoll. Dass in der ersten Klasse erste Buchstaben und Worte mühsam auf die Schiefertafel gekratzt werden mussten, kam mir, der ich zuhause Umgang mit Kugelschreibern und Papier pflegte, merkwürdig und mühsam vor.

 

Den Schulweg saß ich meist auf dem harten Gepäcksattel der klapprigen Fahrräder von Mutter oder Vater ab, manchmal aber stand mein Opa Moritz mit seinem Pferdewagen vor der Schule, ich durfte mit auf den Kutschbock steigen und auch mal die Zügel in die Hand nehmen.

 

Weitaus interessanter fand ich aber das Kurbeln an der Bremse, was meinen Großvater mürrisch werden ließ. Großen Gefallen fand er aber daran, eine Handvoll Münzen aus seinem Lederbeutel hervorzukramen und unter die anderen Schulkinder zu werfen. Wenn sich tüchtig gebalgt wurde, amüsierte er sich köstlich.

 

Im ersten Schulhalbjahr lernten wir die ersten Worte - wie „Ei“ und Stuhl“- und damit auch erste Sätze zu formen. Darüber, dass Lehrer Beyer uns auferlegt hatte, den Satz „Ei am Stuhl“ mehrfach zu schreiben, konnte sich mein Vater heftigst ausschütten, kam aus Lachen und Feixen lange nicht heraus.

 

Im Herbst 1954 zogen wir nach Ückendorf in eine „richtige“ Wohnung in der Schillstraße um. Aus unserer Schalker Baracke nur Beleuchtung mit Petroleumlampen und Wasser von der Pumpe im Hof gewohnt, war ich restlos begeistert vom elektrischen Licht und dem Wasserhahn in der Küche. Weniger begeistert war ich zunächst von den Nachbarskindern, darunter die Jungs von der wegen ihrer zahlreichen Buben „Schwänzkesbande“ genannte Familie Fischer, die mich beim Einzug umstanden: „Ziehst Du jetzt auch hier mit ein?“, hieß es da ein wenig bedrohlich.

Meine neue Schule lag an der Ückendorfer Straße 65: Die Almaschule - wie die Schalker Overbergschule eine Katholische Volksschule - war - wie unser Wohnhaus an der Schillstraße - ein alter, ruhr- gebietstypisch-gründerzeitlicher Backsteinbau mit Schrunden und Schrammen aus Kriegszeiten. Mit Lehrerin Seidel und Lehrer Ritter kam ich wohl bestens zurecht, denn mein Zeugnis spiegelte das mit Einsen und Zweien wider.

Dann - im Frühjahr 1956 - wurde das Schulgebiet neu eingeteilt, und für mich hieß das, nun an die Alte Schule an der Ückendorfer Straße 147 hinüberzuwechseln.

In meiner neuen Klasse IIla unter Lehrer Nübel ging es ausgesprochen streng zu: Wurde es ihm zu unruhig und lärmig, ordnete er stille Sitzhaltung und gefaltete Hände an, wir Schüler hatten dann unseren stummen, unverwandten Blick auf das Kreuz an der vorderen Klassenzimmerwand zu richten.

 

Bei uns zuhause war man zwar katholisch, mit der Kirche hatte man aber eher wenig am Hut, das war allein daran zu erkennen, dass man mir später mit Vierzehn die Entscheidung überließ, ob ich hinfort den katholischen „Pflichtübungen“ folgen wolle. Widerwillig besuchte ich die Schulmesse, die man - weil als Unterricht geltend - nicht versäumen durfte: In der Kirche wurde durchgezählt und das Fehlen notiert. Die Kirchenbank zu drücken, zur Beichte zu gehen - das ließ ich nach der Erstkommunion sehr schnell bleiben. Ich ging nur hin, wenn ich musste: Lichtblicke waren nur jene hinüber zu den Frauenbänken, wo ich eine mir traumhaft erscheinende Christa Mengelkamp aus der Mädchen-Parallelklasse schüchtern und unbemerkt anhimmeln konnte.

 

Gänzlich fremd war mir, dass einige Mitschüler frommer als andere sein wollten und sich übereifrig fingerschnippend als Messdiener verdingten. Klaus Gochermann, Johannes Harras und die Jung-Zwillinge Werner und Peter taten sich hierbei besonders hervor, bildeten schnell ein Grüppchen, das sich nach meinem Eindruck stets für ein Quäntchen besser hielt. Für Johannes Kronenberg und den kleinen Bernd Lücking - letzterer als Zahnarztsohn sich ohnehin stets betulich für etwas Besseres haltend - war es wohl die Initialzündung für ihre späteren priester- lichen und kirchlichen Ämter.

 

Eine imaginäre und als nicht zu übertretend geltende Linie zog sich quer über den Schulhof und trennte uns „Kathos“ von den „Evans“ gegenüber: Dass an den Gerüchten, man würde auf der gegenüberliegenden evangelischen Seite verprügelt, ließe man sich dort sehen, erkannte ich spätestens beim Schulmilchdienst: Dazu eingeteilt, musste man beim Hausmeister dort den Kasten mit „Schulmilch“ holen, was sich, trotz meiner Befürchtungen, als gänzlich ungefährlich herausstellte.

Obwohl ich auch in Religion immer gute Zensuren bekam, war und blieb die Religiosität für mich nebensächlich. Allenfalls die adventlichen Schulstunden mit Kerzenlicht, frommen Liedern und Gedichten, zelebriert von unserem Klassenlehrer (und Rektor) Niedermaier, verschaffte mir ein wenig behagliche Stimmung. Seinem ebenso frommen wie dringlichen Wunsch, nach Schulschluss für die Kriegsgräberfürsorge die Klinken des Viertels zu putzen, durfte nicht widersprochen werden. Mir war dieses „Betteln“ schrecklich peinlich, außerdem gab sowieso niemand etwas.

 

Völlig suspekt erschien mir meine gesamte Schulzeit hindurch alles, was sich um das mir verleidete Fach „Leibesübungen“ drehte: Wenn Wolfgang Adenstedt und Helmut Rosenbaum sich angesichts eines Sportplatzes über alle Maßen begeistert auf die Brust trommelten und „Fußball, Fußball“ kreischten, wenn sie sich beim Tausch von Fußballerbildchen in die Haare gerieten, wenn sie trotz Verbot in der Pause mit einem Bällchen herumkickten, konnte ich mich dem noch leicht entziehen. Wenn aber Sportunterricht mit Lehrer Wüstenberg anstand, war das nicht so einfach: Zwar konnte ich mich bei Feldspielen schnell herauswerfen lassen und die meiste Spielzeit am Spielfeldrand zubringen, beim Turnen aber kam ich nie auf einen grünen Zweig, nie über ein Ausreichend hinaus. Andere erhielten bei den Bundesjugendspielen Urkunden, unsereins bekam den roten Kopf und das schlagbereite, um die Hand des wütenden, unberechenbaren Herrn Wüstenberg gewickelte Tau zu sehen, weil man wieder einmal beim Weitsprung kaum gehüpft war und beim Laufen als Letzter einlief. Schonung gab es wohl nur deshalb für mich, weil ich mich in dem von ihm auch erteilten Fach Erdkunde hervorzutun wusste. 

 

Lehrer Wüstenberg schreibe ich meine bis heute wirkende große Abneigung gegen die andauernde Furcht vor dem feuchten Element zu: Der von ihm geleitete Schwimmunterricht in der Städtischen Badeanstalt, beginnend mit der strengen Sauberkeits-Prüfung von Fingernägeln und Füßen, gipfelte für mich meist im todesmutigen Sprung vom 1-Meter-Brett, einem übergroßen Schluck kalten Wassers und der Rettung vor dem Ertrinken durch die natürlich viel zu spät vom Beckenrand hingehaltene Angel. Aller Zwang, alles Zureden half nichts: Es gelang ihm partout nicht, mir die Angst zu nehmen und das Schwimmen beizubringen. Und so blieb es bis zum Abschlusszeugnis beim „Ausreichend“ bei Leibesübungen und beim nicht vorzeigbaren, beschämenden „Nichtschwimmer“.

Von den damals üblichen Strafen wurde ich im Gegensatz zu anderen allermeist ausgenommen, obwohl auch ich oft mit dem Stuhl schaukelte und manchmal krachend umfiel, bei Rechenarbeiten „abguckte“ und beim Diktat „vorsagte“. Klassenlehrer Niedermaier führte ein ellenbogenlanges Stöckchen in seinem Jackenärmel mit sich, das er, beim Herumgehen in der Klasse und einen Unruhestifter erspähend, blitzschnell in seine Hand gleiten und auf den Rücken des Missetäters niedersausen ließ. Konrektor Hiltenkamp, der allein durch seine dicken Brillengläser besonders streng zu schauen schien, verteilte oft Kopfnüsse, zwirbelte Haarbüschel, drehte an den Ohren oder kniff einem höchst schmerzhaft in die Backe, während der cholerische Herr Wüstenberg mit allem, was ihm so gerade in die Hand kam, zuschlug. Niemand indes hätte zuhause von diesen Strafen erzählt, allenfalls hätte er sich eine weitere Ohrfeige obendrein eingefangen: Die Eltern empfanden die schulischen Maßnahmen stets als gerechtfertigt.

Bei uns zuhause war es selbstverständlich, gute Noten heimzubringen, damit Vater das Zeugnis quasi nebenbei unterschreiben konnte. Andere hatten es weitaus schwerer - wie meine Schillstraßen-Nachbarskinder und Schulkameraden Jürgen Gosert und Norbert Lewandowski.

 

Jürgen hing nachmittags schier ewig und zudem ratlos über den Hausaufgaben, und statt ihn zum Spielen abholen zu können, musste ich auf Wunsch seiner jammernden Mutter oft dableiben und ihm helfen. Norbert mit seinem stets heiteren Gemüt und seiner stets laufenden Nase hatte etliche Lernschwächen, besonders im Lesen und Schreiben kam er nicht mit, wurde dann aber nach einigem Krach resignierend von den unerledigten Hausaufgaben befreit und nach draußen entlassen.

 

Zu meinen Schul- und Spielkameraden in der Schillstraße zählte für einige Zeit auch Alfred Eckrath, der regelmäßig seine Oma im Nachbarhaus besuchte. Alfred ging aber dann auf eine „Höhere Schule“, hob und sonderte sich damit aber zunehmend ab.

 

Eine „höhere Schule“ kam bei uns zuhause für mich nie in Betracht, die Eltern waren ja mit meinen guten Zeugnissen zufrieden. In den späteren Schuljahren gab es hie und da auch mal ein Befriedigend. Besonders in Raumlehre haperte es von Anfang an, so, als ich auf die Frage des Lehrers, was denn das für hölzerne Würfel auf dem Pult seien, lakonisch „Brennholz!“ in die Klasse rief.

 

Geschichte und Erdkunde bei Herrn Wüstenberg hingegen machten mir großes Vergnügen: Wie gespannt war ich, wenn zum Schuljahresbeginn eine neue Landkarte entrollt wurde und mir den Blick auf für mich neue Welten freigab - schließlich besaßen wir zuhause keinen Atlas, mit dem ich meine Neugier hätte stillen können.

 

Überhaupt die Entdeckerfreude: Wie ließ sie meinen Puls höher schlagen, wenn ein Ausflug anstand! Dann wartete auf dem Festweg vor der Schule der herrlich glänzende Setra-Bus, in dem es nach Fernweh roch, aus einem Radio ein mir unbekannter Sender erklang; aufgeregt saß ich schon lange vor Fahrtbeginn auf meinem Platz, aß schnell noch das mitgebrachte Brot. Ich kam ja sonst höchst selten über die Stadtgrenzen hinaus.

 

Klassenlehrer Niedermaier pflegte bei seinem Ausflugsprogramm eine besondere Vorliebe für die Höhlen des Sauerlandes - wie sonst ist es zu erklären, dass ich von damals unter anderem die Besuche in der Atta-, der Klutert- und der Dechenhöhle erinnere.

 

Oft war auch Herr Lehrer Pluskwik mit von der Partie, der war stets recht milde gestimmt und ließ uns vieles ungestraft durchgehen. Alle Eindrücke von diesen Ausflügen waren so stark, dass ich sie tief in mir wie Heiligtümer aufbewahrte, und vielleicht waren sie der Grund für meinen zunächst zaghaften, dann aber über die Jahre immer stärker werdenden Wunsch, die „Stadt der 1000 Feuer“ irgendwann hinter mir zu lassen. Typischerweise hieß es nach den Ausflügen und nach Ferien oft, einen Aufsatz über „Mein schönstes Erlebnis“ zu schreiben. Da war ich dann in meinem Element, konnte nach Herzenslust losfabulieren und mich ausschreiben. Öfter hatte ich noch genügend weiteres Material, um einen Aufsatz für Viktor Dauschek Mitverfassern. Ich frage mich heute noch, ob unser Lehrer davon wirklich nichts gemerkt hat - gesagt wurde jedenfalls nichts, und der Viktor bekam ohne weiteres seine „Zwei“.

 

Viktor war ein Jahr älter als wir anderen Klassenkameraden. Aus einem mir nicht mehr bekannten Grund musste er ein Schuljahr nachholen. Er war uns allen in vielem voraus, bestimmte außerhalb des Klassenzimmers, was gesagt und getan wurde, führte das Wort und sprach Recht, und wurde dabei schlagkräftig von seinem Adlatus Werner Karnitz unterstützt.

 

Viktors Wort war Gesetz bis zu jenem Moment, als er auf einen Stärkeren getroffen war und mit blutender Nase auf dem Schulflur lag, was mich sehr schockierte.

Außerhalb der Schule spielte für mich immer die bessere, interessantere, spannendere und aufregendere Musik - ob sonntagnachmittags in der ersten Reihe des Scala-Kinos, abends vor dem Radio bei Chris Howlands Hitparade oder bei den langen Monopoly-Spielnachmittagen bei Viktor. Der hatte Zugriff auf die großen 78-er Schallplatten seiner Mutter, die mit einem Amerikaner verhandelt war. Hier hörte ich zum ersten Mal Rock-and-Roll- Heroen wie Elvis Presley, Little Richard, Bill Haley und auch Schmalziges von Connie Francis. Das traf mich damals wie ein Blitz, setzte mich unter Strom und hat meine große lebenslange leidenschaftliche Liebe zur Musik entfacht. Ich bin Viktor und seinem Plattenschrank dafür bis heute sehr dankbar. Bei Viktor bastelten wir mit einem Tonbandgerät an Hörspielen, in denen er natürlich immer die Hauptrolle beanspruchte, meist als ausgerasteter, brüllender Chef. Dazwischen packten wir uns „zahm“ erscheinende Musiken. Wir bekamen die Erlaubnis, das alles im Unterricht vorzuspielen: Doch Lehrer Niedermaiers Verständnis und Geduld reichten nur ein paar Takte und ein paar Worte lang, ihm als älteren Herrn was das alles doch ziemlich suspekt. Meine Schulzeit - und damit auch die unbeschwerte Kindheit - fand im März 1962 ein hartes Ende: Schon ein paar Tage nach der Schulentlassung trat ich meine Schriftsetzer-Lehre an, landete urplötzlich in einer völlig anderen, einer erwachsenen Welt, die - grau wie mein Arbeitskittel - für die nächste Zeit an mir herabschlotterte.

 

Ich bin bis heute immer noch erstaunt, wie viel von dem damals in unserer heutzutage eher belächelten Volksschule hängengeblieben und zu gebrauchen ist. Dafür bin ich - ebenfalls bis heute - allen meinen Lehrerinnen dankbar: Die Herren Niedermaier, Wüstenberg, Pluskwik, Hiltenkamp sowie Frau Johannsohn (mit einer verschämten Entschuldigung dafür, dass unser oft ungehobeltes Benehmen sie manchmal veranlasst hat, weinend aus dem Klassenzimmer zu stürmen) - haben sich in ihrem ihnen auszustellenden imaginären Zeugnis allesamt allerbeste Zensuren verdient.

 

Wolfgang Moritz

81549 München

 

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